Überlebt HIPPOKRATES?
Jakob Gehring und Josias Mattli
Zusammenfassung
Hippokrates von Kos, einer der berühmtesten antiken Ärzte der abendländischen
Kultur, gründete im 5. Jh. v. Chr. eine der ersten Ärzteschulen und hinterliess
zusammen mit weiteren späteren Autoren in den umfangreichen Schriften des
Corpus Hippocraticum ethische Grundlagen, die über 2000 Jahre ärztliches Handeln
in der westlichen Medizin grundlegend geprägt haben. Das wohl berühmteste dieser
Schriftstücke beinhaltet den sogenannten "Hippokratischen Eid", ein auch literarisch
hochstehendes Werk.
Ereignisse unseres Jahrhunderts, wie die schweren Entgleisungen ärztlicher Taten im
dritten Reich sowie aktuelle Entwicklungen in der Medizin, etwa die Legalisierung
der aktiven Sterbehilfe (praktiziert zum Beispiel in den Niederlanden), die freizügige
Handhabung der Interruptio, die Gefährdung des Berufsgeheimnisses durch die
moderne Datenverarbeitung bei Krankenkassen und Verwaltungen und die
zunehmende Verdrängung ärztlich-ethischer Entscheidungsgrundlagen durch
ökonomisch-wirtschaftliche Aspekte lassen ernsthafte Zweifel aufkommen, inwiefern
hippokratische Ethik überhaupt noch aktuell ist.
Die hippokratische Ethik wahrt als wichtige Grundwerte die Erhaltung von Leben,
Achten der Persönlichkeit, Wahren der Individualsphäre des Patienten und Aufbau
von Vertrauen als Basis der Patient-Arzt-Beziehung unter Anstreben des Prinzips des
"nihil nocere"; der hippokratische Arzt verantwortet sich vor der Religiosität als
höherer Instanz. Dies wird in der Folge anhand einiger Sätze aus dem altgriechischen
Urtext illustriert und erläutert.
Gerade heute besondere Beachtung verdient das im Corpus Hippocraticum
formulierte Patient-Arzt-Verhältnis, wobei der Arzt den Patienten unterstützen soll,
der zu-sammen mit dem Arzt seinen Kampf gegen die Krankheit führt, indem der
Arzt ein Diener seiner Berufskunst ist.
Die praktische Anwendung ethischer Grundsätze bedingt die Interpretation des
Arztes, was ein Abwägen und das Eingehen von Kompromissen bedeutet. Inwiefern
dürfen dabei zum Beispiel Kosten eine entscheidende Rolle spielen ? Der drohende
Verlust ethischer Werte ist ein nicht rein ärztliches, sondern ein westlich-
gesamtgesellschaftliches Problem; hier droht ein zunehmender Identitätsverlust des
Individuums mit zunehmender Manipulierbarkeit.
Eine reelle Überlebenschance für Hippokrates besteht allerdings gerade in der
heutigen Zeit: zur praktisch sinnvollen Anwendung der immensen Fülle theoretisch
machbarer, sich überstürzend entwickelnder Medizintechnologien und
Pharmakotherapien ist der Arzt in seiner Entscheidungsfindung auf Unterstützung
durch ethische Leitplanken angewiesen. Da aber juristische Gesetze und Regeln der
Wissenschaft keineswegs die Wahrung ethischer Grundwerte garantieren, geht ein
Aufruf an die Eigenverantwortlichkeit heutiger Ärzte.
Lebt HIPPOKRATES überhaupt noch ?
Als praktischer Anwender unserer modernen Medizin steht man vor Realitäten des 20. Jahrhunderts, wo
ethische Werte zumindest schwer verschoben erscheinen, HIPPOKRATISCHE Gedanken aber sicher
keinen Platz mehr finden:
- So wird beispielsweise in den Niederlanden die aktive Sterbehilfe offenbar im ärztlichen Alltag
praktiziert; gemäss Untersuchungen von 1993 (Lancet; Pijnenborg L. et al.) sterben betagte Patienten
durch ärztliche Hand, juristisch legalisiert, und zwar in 1-2% (0.5-1.6) der Todesfälle ohne
ausdrücklichen Wunsch des Patienten.
- Schwangerschaftsinterruptionen werden zuweilen recht freizügig durchgeführt oft wahrscheinlich
auch aus Nichttragenwollen der Konsequenzen oder gar aus Bequemlichkeit.
- Geschichtlich gesehen möchte ich an die ungeheuren Greueltaten, auch von Ärzten, im Dritten Reich
erinnern, erst gerade 50 Jahre her.
- Und an aktuellen Entwicklungen sind gravierende Änderungen im Gesundheitswesen zu beobachten,
zumindest in der Schweiz, indem zunehmend wirtschaftlich-ökonomische Aspekte die ärztlichen
Entscheidungen betreffend Diagnostik und Therapie massgebend mitbestimmen und damit einer
Zweiklassenmedizin Vorschub leisten.
- Das bis anhin mehrheitlich sorgfältig gehütete ärztliche Berufsgeheimnis wird heute durch
Krankenkassen und Verwaltungen von Institutionen des Gesundheitswesen untergraben und in Frage
gestellt.
Dass solche Realitäten zu Spannungen zwischen einer Gesellschaft mit verändertem Wertesystem und
uns Ärzten führen, die doch mehrheitlich noch nach HIPPOKRATISCHEN Grundsätzen handeln, liegt
auf der Hand.
Wie hat HIPPOKRATES überlebt?
Regeln sind als Entscheidungshilfe wichtig. Die konkrete Situation mit ihrem dringenden
Handlungsbedarf erlaubt nicht immer, die Tragweite eines Entschlusses zu überblicken und im Ganzen
eines Wertesystems einzuordnen. Darum können Berufsgrundsätze als Leitlinien für ein Verhalten
dienen, das nicht nur individuell, sondern im Rahmen einer Gruppen- oder Gesellschaftsethik abgestützt
ist.
Und weil sich die Kulturen und Gesellschaften der Menschheit immer mehr durchdringen, ist in unserer
Zeit auch für die Medizin grenzüberschreitende bzw. interreligiöse Ethik gefordert: Der Patient, wo
immer er in seiner Bedrängnis einen Arzt aufsucht, sollte weltweit dem gleichen ärztlichen
Verhaltenskodex begegnen können.
Zur Frage nach der inhaltlichen Bestimmung: Im westlich-abendländischen Kulturbereich hat die
Gestalt des HIPPOKRATES für die Medizin während mehr als zwei Jahrtausenden eine überragende
normative Kraft verkörpert. Seine einfachen Grundsätze prägten das ärztliche Handeln unangefochten
bis in unser Jahrhundert hinein. Dabei waren sie nie von einer formellen Autorität angeordnet oder
erzwungen; sie setzten sich durch ihre innere Kraft einfach durch ,- als gäbe es für ärztliches Ethos
keine Alternative.
Wer war HIPPOKRATES ?
Seine historische Gestalt lässt sich in Umrissen erahnen: Als Begründer einer Ärzteschule habe er ca.
460-375 v. Chr. auf der griechischen Insel Kos gelebt. Möglicherweise stand er in Verbindung mit dem
dortigen Asklepios-Heiligtum. Als praktizierender Wanderarzt sei HIPPOKRATES aber bis an den Hof
des persischen Königs Artaxerxes gelangt und während einer Pestzeit habe er sich auch in Athen
aufgehalten. Noch zu Lebzeiten, spätestens wenige Jahrzehnte nach seinem Tod, wird er als Arzt
berühmt.
Texte: das Corpus Hippocraticum ist eine Sammlung von etwa 60 Einzelschriften.
Literaturgeschichtlichen Untersuchungen nach liegt die Abfassungszeit seiner Teile zwischen 400 vor
und 100 nach Christi Geburt. Dabei sind die wichtigsten Bücher, die HIPPOKRATES wahrscheinlich
selbst verfasste oder die doch in seiner geistigen Nähe entstanden, die Epidemienbücher III und I, das
Prognosticon und die grossen chirurgischen Abhandlungen.
In ihrer Theorie und Praxis begründen sie wesentliche Elemente auch der modernen wissenschaftlichen
Medizin:
- Sie berücksichtigen schriftlich überlieferte ärztliche Empirie
- Sie gehen von sorgfältiger Beobachtung aus, wobei sie die Krankengeschichte, die
Lebensumstände des Patienten und klimatische Bedingungen einbeziehen.
- Daraus abgeleitet führen sie zu Prognose und
- Therapie (diätetisch, medikamentös und chirurgisch)
Erst die Summe dieser Einzelelemente ist nach HIPPOKRATES ärztliche Kunst.
Die Schriften zur ärztlichen Praxis sind natürlich zeitgebunden; von bleibender Bedeutung ist aber ihr
ethisches Kernstück, das iusiurandum,
Der HIPPOKRATISCHE Eid. Er gibt kaum die normativen Überzeugungen aller Mediziner der
griechischen Klassik wieder; auf dieses innere Gesetz des Handelns verpflichteten sich damals eher die
Mitglieder einer elitären Ärztegilde. Es trug ihnen wohl auch Nachteile ein - wie Härte bei bestimmten
menschlichen Nöten oder den Verzicht auf Honorare -, brachte ihnen dafür aber den unschätzbaren
Gewinn einer hochstehenden Berufsethik.
Grundwert Leben
Folgende Zitate aus dem berühmten Eid weisen auf Grundwerte hin. An zweiter Stelle im Kernteil des
HIPPOKRATISCHEN Eides geht es um Erhaltung von Leben, offenbar einen sehr wichtigen Grundwert:

Ich werde aber nicht und ganz und gar nicht (und) niemandem, auch nicht auf eine Bitte hin, ein todbringendes
Mittel geben, und ich werde auch nicht einen solchen Ratschlag erteilen; ebensowenig werde ich nie einer Frau
ein Abtreibungsmittel geben.
Vierfach verneint wird hier jegliche Tötung, Tötung auf Verlangen ebenso wie die Anleitung dazu. Somit
schliesst der HIPPOKRATISCHE Text aktive Sterbehilfe absolut aus. Ebenso wird die interruptio einer
Schwangerschaft, als Form einer Tötung, prinzipiell abgelehnt. Hier stellt sich die Frage: wann beginnt das
Leben? Rein biologisch betrachtet ist der Fall klar; mit der Vereinigung der Gameten während der
Befruchtung entsteht die neue, einmalige Kombination des Ergutes als Grundstein des neuen Lebens.
Wie steht es mit der passiven Sterbehilfe ? Diese Frage stellte sich für HIPPOKRATES kaum; die damalige
Medizin der abendländischen Antike verfügte nicht über die Möglichkeiten effektiver Lebensverlängerung.
Ganz anders unsere heutige Maximalmedizin, die alle zur Verfügung stehenden technologischen
Untersuchungs- und Behandlungsmethoden unkritisch einsetzt oder, kurz gesagt alles tut was machbar ist
ungeachtet der Frage, was im Einzelfall sinnvoll ist. Da sind es oft ethische Entscheidungen, die gelegentlich
zum Verzicht auf Maximalbehandlung führen, dies im Sinne einer Optimalmedizin, einer auf den
individuellen Einzelfall zugeschnittenen Medizin, die die Gesamtsituation des Patienten, sein Alter, sein
soziales Umfeld, die Prognose der Erkrankung und vor allem auch die Lebensqualität des Patienten
berücksichtigt.
Desweiteren geht es auch um die Erhaltung von Leben in ganzheitlich verstandenem Sinne, um Wahrung der
Persönlichkeitssphäre.
Grundwert Vertrauen
Zitate aus dem HIPPOKRATISCHEN Eid zum Begriff Vertrauen:

Was immer ich bei der Behandlung sehe oder höre oder auch ausserhalb der Behandlung im Leben der
Menschen, werde ich, soweit man es nicht ausplaudern darf, verschweigen und Solches als ein Geheimnis
betrachten.

Heilig [rein, unbefleckt, gottgeweihtl und rein [fromm, gerecht nach göttlichem oder natürlichem Recht] werde
ich mein Leben bewahren und (auch) meine Kunst.
Vertrauen als Grundwert: Es sind eine Reihe von Stichworten, die darauf hindeuten: Nach
HIPPOKRATISCHER Auffassung begegnet der Arzt seinem Patienten ja nicht nur als der Wissende,
der seinen Dienst leistet indem er Kenntnisse vermittelt, Informationen einsetzt über die nur er verfügt
oder als der Fachmann, der zur rechten Zeit das Notwendige tut und praktische Kunstgriffe und
Techniken anwendet.
Der Mensch ist ja nicht nur ein ausgewogenes und differenziertes Miteinander von hochspezialisierten
Organen; weit darüber hinaus greift die Betrachtungsweise, welche ihn als unlösbare Einheit von Leib,
Seele und Geist erfasst. Darum ergreift und betrifft ihn ja auch die Krankheit nicht nur als körperliches
oder psychisches Leiden eines Teilbereichs, sondern immer in der Ganzheit seiner Existenz.
Aus dieser Erkenntnis ergibt sich zwingend: Wer dem Leidenden wirklich helfen möchte, muss ihm
ganzheitlich begegnen: seine Persönlichkeit bis zum Geistigen, Sozialen und Religiösen hin erfassen
und in diese DU-ICH-BEZIEHUNG sich selber ganz einbringen. Der echte Arzt, der sich darin wohl
vom Heilpraktiker unterscheidet, wirft die eigene Existenz in die Wagschale seines Berufes: Sein
Charakter, die Lauterkeit seines guten Willens, seine ganze Lebensführung werden zum Heilmittel -zum
begegnenden Faktor der Gesundung des Patienten.
Von dieser ganzheitlichen Sicht her werden gewichtige Merkmale ärztlichen Verhaltens versteh- und
begründbar: Dass der Arzt dem "Leben" verpflichtet sei, haben wir schon gehört. Dass er dazu seine
persönliche Lebensführung vertrauenswürdig gestalte, ohne Ausnahme nur Gutes mit sich bringe, sich
auf keinen Fall mit Unrecht einlasse, dass das Gebiet sexueller Begegnung aus seiner Berufstätigkeit
ausgeklammert werde, und schliesslich auch das unerbittliche Gebot, über Gespräche am Patientenbett
zu schweigen - das alles weist doch auf das eine Anliegen hin: Das menschliche Umfeld des
therapeutischen Dialogs soll vom Grundwert des Vertrauens getragen sein.
Vertrauen hat mit Hingabe zu tun, mit gutem Willen, mit Verständnis und Hilfsbereitschaft, die der
Patient selbstverständlich erwarten darf. Er soll nach HIPPOKRATES wissen: Mein Arzt versteht mich
in einem tiefen Sinn, in meinem ganzen Umfeld, und mit ihm begegnet mir nur die gute Absicht. Auch
wenn er mir Schmerzen zufügen oder meine Wünsche nicht erfüllen wird - nie werde ich deshalb ihm
gegenüber ein Gefühl wie Furcht hegen; im Gegenteil!
In unserer Zeit sind mit diesen Gedanken Bedrohungen angesprochen, die solches Vertrauen in Frage
stellen. Wir erinnern nochmals an die Zumutung der aktiven Strebehilfe, an die Beeinträchtigung des
Berufsgeheimnisses von Seiten der Krankenversicherungen oder Datenbanken her, an eugenische
Tötungsindikationen, an Erwartungen im Hinblick auf Schwangerschaftsabbrüche, die selbst
Staatsorgane zu verfügen sich anmassen.
Vergessen wir mit HIPPOKRATES das Eine nicht: Das ungeteilte Vertrauensverhältnis bildet die
fundamentale Voraussetzung heilenden Tuns
Arzt-Patient-Beziehung
Ein Satz aus den HIPPOKRATISCHEN Schriften "Aufgaben des Arztes" wirft einen besonders
interessanten Aspekt zur Arzt-Patienten-Beziehung auf:

(Es ist nötig), dass sich der Kranke zusammen mit dem Arzt der Krankheit widersetzt.
Der Patient figuriert in diesem Satz als Subjekt: er (der Patient) soll sich der Krankheit widersetzen,
zusammen mit dem Arzt; der Arzt handelt als Diener seiner , seiner Berufskunst. Auf heutige Gegebenheiten
übertragen ergibt sich daraus ein interessanter Gedanke: der Arzt kann dabei in seinen
Entscheidungsfindungen etwas entlastet werden. Er trägt nicht die letzte und alleinige Verantwortung.
Vom Patienten wird einerseits Eigenverantwortung erwartet, andererseits kann sich der Arzt auf die
Regeln seiner Berufskunst berufen.
Ein amüsantes Detail sind Bemerkungen in den HIPPOKRATISCHEN Schriften zur Notwendigkeit
eines gewissen Misstrauens des Arztes gegenüber des Patienten, aber auch gegenüber Berufskollegen,
zu finden im Abschnitt "Der Arzt bleibt ohne Dank" - eine heute aktuelle Problematik, die offenbar
bereits über 2000 Jahre bekannt ist ... ! An dieser Stelle wird auch betont, dass es der Arzt vermeiden
soll, Kollegen anzuschwärzen.
Die HIPPOKRATISCHE Ärzteschule hat eine rational-empirische Medizin begründet. Im damaligen
kulturell sehr hochstehenden Griechenland - in einer Epoche der Wahrheitsfindung und geistigen
Toleranz - vertrat HIPPOKRATES eine auf das Individuum Patient zugeschnittene und auf diesen
fokussierte Individualmedizin, so wie wir es bei uns auch heute anstreben. Doch lauern heute Gefahren
vonseiten der momentanen Gesundheitspolitik, die den Patienten zugunsten von wirtschaftlich-
ökonomischen Aspekten aus dem Mittelpunkt des Gesundheitswesens zu verdrängen begonnen hat.
Der Individualmedizin gegenüberzustellen ist die Sorge um die Volksgesundheit; gerade daraus können
aber ethische Konflikte entstehen. So verschlechtert eine hochdifferenzierte Individualmedizin die
Volksgesundheit; man denke zum Beispiel an die Erbkrankheiten, die dank verbesserter
Überlebenschance des Individuums gesamthaft zunehmen. Doch hier dürfte die Antwort von
HIPPOKRATES zugunsten der Individualmedizin klar sein und dies muss auch heute unsere
Richtschnur bleiben.
Wem ist der Arzt verantwortlich?
Verantwortung
Ein Zitat aus dem EHPPOKRATISCHIEN Eid zum Thema Verantwortung:

Heilig [rein, unbefleckt, gottgeweihtl und rein [fromm, gerecht nach göttlichem oder natürlichem Recht] werde
ich mein Leben bewahren und (auch) meine Kunst.
Die Begriffe und , die ärztliche Lebensführung zusammenfassen, sind der Sprache der Religion
entnommen: Der eine bezeichnet, was religiöse Scheu erweckt, oder Dinge, die mit der Gottheit in
Beziehung stehen, der andere umschreibt, was durch göttliches Recht erlaubt ist. Nicht zufällig! Schon die
ersten Worte des Eides rufen ja die griechischen Götter an, die für Heil, Heilung und Gesundheit zuständig
sind: Apollon, Asklepios, seine Tochter Panakeia, Hygiea. Das bedeutet: Für den Grossmeister ärztlichen
Verhaltens ist medizinische Berufsverantwortung im Urgrund des Glaubens verankert.
Es geht ihm also nicht nur um praktische Normen, oder um gesellschaftlichzeitbedingte Konventionen;
ärztliche Ethik richtet sich bei HIPPOKRATES nach Grundwerten menschlicher Existenz, verbürgt von der
überzeitlichen Kraft der Gottesbeziehung. In ihrer Begründung ist seine "Ehrfurcht vor dem Leben" - darum
etwas Heiliges. Offenbar muss das so sein. In die entgegengesetzte Richtung zeigen nämlich die
erschreckenden Aspekte der Medizingeschichte des 20. Jahrhunderts: Wo das menschliche Leben - in seiner
Ganzheit und als Einzelschicksal verstanden - für den Arzt nicht mehr unantastbar sozusagen axiomatisch
gegeben ist, nicht mehr jenseits jeder Diskussion feststeht, sondern den veränderbaren Normen einer
beliebigen Moral ausgeliefert wird, - dort beginnt unmittelbar das Gebiet des Schuldhaften.
Wo der Arzt der Heiligkeit des Lebens nicht mehr unbedingt verpflichtet ist, wird ihm nämlich eine
Kompetenz und Verantwortung zugeschoben, die er nicht tragen kann: Als Begutachter über "lebenswert"
oder "lebensunwert", über menschliche Belastbarkeit, menschliches Schicksal, als Richter über Leben und
Tod, der sein eigenes Urteil auch noch vollstrecken muss. Und wo Ärzte ohne die religiöse Scheu vor dem
Geheimnis des Lebens den Forderungen einer politischen oder gesellschaftlichen Ideologie erlagen, da
haben sie immer wieder die Grenze zum Kriminellen überschritten. (Stichworte: Rasse-Eugenik, Euthanasie
"lebensunwerten Lebens", Genozid durch Sterilisation, Vivisektion, "menschliche Versuchstiere" der
Wissenschaft gegen ihren Willen).
Der Arzt dagegen, der die Grundwerte seiner Berufung jenseits juristischer Gesetze und wissenschaftlicher
Regelungen im Respekt vor der Heiligkeit des Lebens ernst nimmt, rettet nach HIPPOKRATES nicht nur
sein eigenes Leben vor Belastung und Schuld; er wird durch seine Haltung auch für seine Patienten zum
Vertrauten - und damit zum Helfer.
Prinzip des "nihil nocere"
Ein weiteres grundlegendes Prinzip HIPPOKRATISCHER Ethik finden wir in den beiden folgenden
Zitaten:

... ich will zum Nutzen der Kranken eintreten, mich enthalten jedes willkürlichen Unrechtes und jeder anderen
Schädigung, auch aller Werke der Wollust an den Leibern von Frauen uns Männern, Freien und Sklaven.

(Man soll) im Hinblick auf Krankheiten (in) zwei(erlei Hinsicht) üben: zu nützen oder nicht zu schaden.
Für HIPPOKRATES ist das Wohl des Patienten oberstes Ziel. Daraus abgeleitet ist das Prinzip des
"nihil nocere"' - dem Patienten zu nützen, aber keinesfalls zu schaden. Gerade diese Fragen bedürfen im
Einzelfall der Interpretation, wobei oft verschiedene Verständnismöglichkeiten gegeben sind:
- Nicht immer ist die Lebenserhaltung um jeden Preis ethisch vertretbar, wobei die passive Sterbehilfe
klar von der aktiven Sterbehilfe abgegrenzt werden muss; gerade hier darf es absolut keine Grauzone
geben! Ethische Richtlinien können uns Arzte von solchen enorm belastenden Entscheidungen
entlasten. Würdiges Sterben beziehungsweise "Sterbenlassen" ist ethisch doch oft einer sinnlosen
Quälerei technokratischer Lebensverlängerung vorzuziehen.
- Schwierig, aber gelegentlich nötig ist in geburtshilflich-gynäkologischen Notfallsituationen das
Abwägen des Leben eines Föten gegen das der Mutter.
- Forschungsinteressen des Arztes sollten hinter die Patienteninteressen zurücktreten.
- Ein armer Gastarbeiter dürfte nicht die schlechtere Behandlung erhalten als ein reicher Privatpatient;
HIPPOKRATES jedenfalls macht ausdrücklich keinen Unterschied zwischen sozialen Schichten, was
die ärztliche Betreuung betrifft; Freie und Sklaven sind gleichberechtigt.
In ethischen Fragen sind gelegentlich auch Kompromisse unumgänglich; dabei müssen aber Grenzen
ethischer Grundwerte klar eingehalten werden. So geht es etwa um das Abwägen zwischen Nutzen und
Schaden einer medizinischen Massnahme, zwischen Wirkung und Nebenwirkung eines Medikamentes.
Darf es auch ein Abwägen zwischen Nutzen und Kosten geben ? Dies stellt eine sehr heikle Frage dar,
deren Aktualitätsbezug in unserer westlichen, weitgehend materialistischen Welt evident sein dürfte.
Sinkende Zahlungsmoral von Krankenkassen und neue Gesundheitsgesetze führen in Richtung einer
Zweiklassenmedizin, wo der zahlungsstarke Privatpatient schliesslich die bessere Behandlung erlangen
wird. Der akademische Freiraum des Arztes wird zunehmend durch den Kostendruck eingeengt. Spitäler
sollen marktwirtschaftliche Betriebe werden, der Patient droht zur Marktware degradiert oder zum
Störfaktor im Gesundheitswesen zu werden. Wie hätte wohl HIPPOKRATES zu Begriffen wie
"Gesundheitsmarkt" und "Patientenmarketing" Stellung genommen? Gewinnorientiertes Handeln im
Gesundheitswesen kann den Auftrag des Arztes verraten.
Nutzen und Kosten
Können und dürfen denn Leiden, Krankheit und Gesundheit oder gar menschliches Leben überhaupt
gegen materielle Kosten abgewogen werden? Wieviel ist der Mensch wert? Und soll es da nur um den
"Materialwert" gehen, den Wert als potentielle Arbeitskraft oder als Versicherungsobjekt? Als ob ein
Menschenleben, als ob Gesundheit von Leib, Seele und Geist in Zahlen überhaupt erfassbar wären!
Wieviel wiegt denn die Liebe einer Mutter zu ihrem behinderten Kind oder die Hingabe eines Betreuers
eines mongoloiden Spastikers ?
HIPPOKRATES fragt nicht nach Entschädigung oder Geld. Und heute müssen wir uns mindestens im
Bereich der westlichen Zivilisation die Frage gefallen lassen: Ob wir nicht im Bannkreis von
medizinischer Technik und hochkapitalisierter Leistungsgesellschaft den Menschen selber verkaufen -
und verlieren?
Gebt HIPPOKRATES auch heute noch eine Chance!
Wir plädieren für eine ärztliche Berufsethik mit griffigen Leitplanken,
- die dem Wohl des Patienten dient,
- die den Arzt in seinem Helferberuf von vermeidbaren Belastungen freihält,
- die unabhängig von politischen und kulturellen Grenzen weltweit geltenden Normen verpflichtet
bleibt,
- die unter den Gläubigen aller Religionen ohne Unterschied ihre verbindliche Funktion ausüben kann.
Die Ethik des HIPPOKRATES bietet sich als Ausdruck eines ärztlichen Wertesystems für unsere Zeit
geradezu an:
Sie stammt nicht aus dem Bereich einer heutigen Weltreligion. Sie ist nicht christlich, nicht muslimisch,
nicht buddhistisch vorgeprägt und kann darum auch von keiner heutigen Glaubensgemeinschaft als
Bedrohung, Konkurrenzierung oder Einmischung verstanden werden. Sie spricht mit der Stimme längst
vergangener Jahrhunderte und hat doch ihre prägende Kraft bis heute bewahrt.
Ihr Geheimnis? Der hingebende, vorurteilslose Dienst am leidenden Menschen.
Ist HIPPOKRATISCHIE Ethik aus all diesen Gründen nicht geradezu prädestiniert, als moderne
Leitlinie für ärztliches Handeln zu dienen ? Sie müsste nur neu in ihrer ganzen Tiefe verstanden und in
der Praxis verbindlich respektiert werden.
Rückbesinnung auf HIPPOKRATES
Es bedarf in der modernen Medizin einer Rückbesinnung auf die Grundwerte in HIPPOKRATISCHEM
Sinne; im sogenannten "Genfer Gelöbnis" - gewissermassen einer modernen Fassung des Eides - sind
die Formulierungen zu unverbindlich.
Entscheidungen über Notwendigkeit, Art und Weise sowie das Ausmass einer Therapie dürfen nicht
durch Regelungen von Gesundheitsfunktionären, juristische Gesetze oder Richtlinien von
Krankenkassen getroffen werden. Dies ist die Aufgabe des in Eigenverantwortlichkeit handelnden
Arztes, unterstützt durch ethische Leitplanken, damit er sich in der immensen Fülle medizintechnischer
Machbarkeiten noch zurechtfindet; so wird dem Wohl des Patienten gedient.
Gibt es echte Alternativen zur menschenfreundlichen Individualmedizin im HIPPOKRATISCHEN
Sinne? In einer wertfreien (und somit wertlosen?) Gesellschaft, die zu Haltlosigkeit, Nihilismus und
Dekadenz führt, hätte HIPPOKRATES tatsächlich ausgespielt und der Arzt würde zum manipulierbaren
und würdelosen Diener des Patienten oder gar des Staates, ganz im Sinne eines "Servicemannes".
Und das kann ja nicht unser Ziel sein
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Gerhard Schaffner,
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Helmut Thielicke: Theologische Ethik, J.C.B. Mohr Verlag 1968
H.H. Walser: Neue Untersuchungen zum Eid des Hippokrates, Schweiz. Ärztezeitung 49, 1111ff, 1968
Dr. med. Josias Mattli
Chefarzt Medizinische Klinik, Spital Davos
Promenade 4
CH-7270 Davos Platz
e-mail: jmattli@spitaldavos.ch
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