Medizinische Ethik bei
Hildegard von Bingen
G. Gresser
Einführung
Hildegard von Bingen (1098-1179), die Prophetin, Äbtissin, Heilkundige, Visionärin Naturforscherin, Dichterin, Komponistin und heilige Frau
kann auch heute, 900 Jahre nach ihrer Geburt, Antworten auf zentrale Fragen nach einer zeitgemäßen ärztlichen Ethik geben. Ihre Schriften
zeichnen sich durch großen Reichtum und ein sehr breites Spektrum aus, ganz gleich ob es dabei um anthropologische und kosmologische,
theologische und spirituelle Aspekte geht. Ein direkter und unmittelbarer Zugang zu dieser Frau und zu dem von vielen Umbrüchen
gekennzeichneten 12. Jahrhundert ist vor dem Hintergrund der Entwicklung von nunmehr über 800 Jahren mit ihrem konfessionellen
Pluralismus und den Folgen von Aufklärung und Säkularisation nicht möglich. Hildegard nimmt darin einen ganz eigenen Platz ein [8]. Das 12.
Jahrhundert ist geprägt von so mächtigen Gestalten wie Bernhard von Clairvaux, Hugo von St. Victor, Johannes von Salibury, Gerhard von
Cremona, Rupert von Deutz und Abelard. Es ist die Zeit Kaiser Friedrich 1. Barbarossas und so bedeutender Päpste wie Innozenz 11., Hadrian
IV. und Alexander Ill.; die mächtigen Spannungen werden deutlich im Titel der großen Historia de duabus civitatibus eines Otto von Freising.
Es ist das Zeitalter der großen Neuansätze in den Naturwissenschaften, der Jurisprudenz, der Theologie, aber auch der Häresien und Ketzer, des
Wunder- und Mirakelglaubens. Hinzu treten die ersten tastenden Schritte der Frühscholastik, in der der Reichtum der Kirchenväter bald seine
Früchte finden sollte. Von all diesem ist Hildegards Weltbild sicher mitgeprägt, aber an keiner Stelle sind sichere Einflüsse oder direkte
Abhängigkeitsverhältnisse nachzuweisen (Die neuesten Ansätze dazu bei Laurence Moulinier [25]).
Es muß einleitend darauf hingewiesen werden, daß Hildegard keine Mystikerin ist und auch keine mystische Tradition hervorgerufen hat. Damit
soll nicht gesagt sein, daß Hildegard nicht eine große Gestalt in der Geschichte der mittelalterlichen Spiritualität ist: schon die bedeutende
Zeitgenossin Hildegards, die Mystikerin Elisabeth von Schönau bezeichnet Hildegard in einem Brief an sie als "Orgel des Heiligen Geistes" und
will damit wohl ausdrücken, daß Hildegard in der Tradition Johannes des Täufers eher durch ihre prophetische Gabe, durch ihren individuellen
und in dieser Form einzigartigen Blick als Verkünderin des göttlichen Heilsplanes in der Weit von immenser Bedeutung ist [17a, 27]. Bereits
1959 hat Gisbert Kranz [19] festgestellt, nichts sei geeigneter, den Weg zum Verständnis Hildegards von vornherein zu verbauen als die
herkömmliche Etikettierung als erste deutsche Mystikerin. Er beschreibt das Typische Hildegards in Form sich ausschließender Gegensätze:
nicht ich, sondern wir; nicht Gefühl, sondern Verstand; nicht subjektiv, sondern objektiv; nicht Mystikerin, sondern Prophetin; nicht
Wissenschaft, Kunst oder menschliche Tüchtigkeit, sondern Gottes Geist.
Hildegard war und ist von einer zu keiner Zeit erlöschenden Aktualität. Die Rezeptionsgeschichte ihrer Werke und über 300 Briefe sind
verbunden mit großen Namen: Johann von Salisbury erwähnt ihre Visionen schon 1167; Albertus Magnus kennt und schätzt ihre Schriften; in
Dante Alighieri's Werk tauchen viele Parallelen auf, die auf eine direkte Beeinflussung durch Hildegards Sci vias schließen lassen [26]; der Abt
Trithemius von Sponheim (1462-1516) reiht Hildegard in den Catalogus illustrium virorum Germaniae ein; Mathias Grünewald (1470/75-1528)
malte Hildegards Kloster auf dem Rupertsberg in sein Isenheimer Altarbild hinein; Johann Wolfgang von Goethe faßte mit dem Wort
"merkwürdig" seinen Gesamteindruck zusammen, als er in Wiesbaden das Manuskript mit den Visionen Hildegards zu sehen bekam-, der
Theologe und Kirchenhistoriker Ignaz Döllinger (1799-1890) [6] stellte fest, Hildegard sei "eine in der ganzen christlichen Geschichte
unerreicht dastehende Erscheinung", und Carl Gustav Jung (1875-196 1) [17] nimmt in seiner "Komplexen Psychologie" Bezug auf die
Erfahrungswelt Hildegards von Bingen.
Die älteste Darstellung Hildegards mit einem Heiligenschein stammt aus dem Jahre 1230 (Antependium Rupertsberg). Das 1227 eingeleitete
offizielle Kanonisationsverfahren verzögerte sich und kam nie zu einem formal gültigen Abschluß. Die Gründe hierfür sind sicher vielfältig:
zum einen die Abwesenheit der Kurie aus Rom, zum anderen die Wirren in Deutschland während des Interregnums [13]. Wichtiger ist
wahrscheinlich die scharfe Kritik, die Hildegard an den Mißständen im zeitgenössischen Klerus übte, die dafür sorgte, daß einflußreiche
Prälaten die Akten zurückhielten [20]. Seit 1584 ist sie aber im römischen Heiligenverzeichnis enthalten und nach der endgültigen römischen
Anerkennung wurde der 17. September 1941 erstmals in ganz Deutschland als ihr Fest begangen 1 [14].
Seit 1985 wird in Deutschland von der Bundesvereinigung für Gesundheit als Auszeichnung für auf dem Gebiet der Gesundheitsförderung
besonders verdiente Persönlichkeiten die Hildegard-von-Bingen-Medaille verliehen.
Aber Hildegard und ihr Einfluß und ihre Autorität sind auch in vielen Fällen mißbraucht worden. Eine Prophetie in Form eines Gedichtes aus
dem 14. Jahrhundert setzt sich mit dem Problem der Geißlerzüge im Rahmen des Kampfes der Würzburger Kirche gegen die Flagellanten
auseinander. Um der Quelle größere Glaubwürdigkeit zu verleihen, wird sie - fälschlicherweise - als autoritative Schrift der heiligen Hildegard
bezeichnet [16]. Im 15. Jahrhundert spielen Hildegard und die Rezeption ihres Gedankengutes bei der Entwicklung der Vorstellung eines über
die Kirche hereinbrechenden Strafgerichts eine große Rolle [36].
Ähnliche Entwicklungen in der neuesten Zeit sind zum Teil mit einem großen Maß an Skepsis zu betrachten: sog. Gesundheitsbücher,
Hildegard-Heilkuren, Küchenrezepte, der Versand von Naturprodukten durch Hildegard-Gesellschaften und die von der New-Age-Bewegung
beeinflußte Meditationsliteratur lösen Teilelemente ihres Werkes aus dem Zusammenhang und beruhen in der Regel nur auf sehr dürftigen
Kenntnissen der historischen Zeitumstände und der Schriften dieser einzigartigen Kennerin einer hochentwickelten
Klostermedizin. Zu einem Verständnis, das echte Aktualität nachprüfbar macht, sind vergleichendes Lesen und
literarisch-historische Informiertheit erforderlich [22].
1 Die Entscheidung war in Rom in der Ritenkongregation am 21. Februar 1940 gefallen
Die Werke
Eine detaillierte Vorstellung ihrer Werke kann hier nicht gegeben werden, aber eine kurze Charakterisierung der großen Schriften,
speziell der die sich mit ethischen und heilkundlichen Fragen befassen, erscheint sinnvoll.
Sci vias. Ihr Erstlingswerk Sci vias, abgefaßt zwischen 1141 und 1151, enthält 26 Visionen, die in drei große Teile eingeteilt sind.
In diesen wird ein Welt-Bild und eine Bild-Welt vorgestellt, die den Leser teilhaben läßt an den geistigen Schauen der Autorin.
Im ersten Teil, der 6 Visionen enthält, geht es um die grundsätzliche Haltung des Menschen zu Gott, wie die Sünde in die Welt
kam und ruft alle Menschen zu gottgewolltem sittlichen Verhalten auf. Darüber hinaus finden wir eine Kosmologie und eine
Engellehre.
Im zweiten Teil wird schon ein Ausblick auf die Grundstruktur der Prinzipien von Heilwerden gegeben, der in den späteren
Schriften weiter ausgeführt werden wird: Der Schöpfung von Welt und Mensch (constitutio) folgt die Erprobung des Menschen
durch das Gehorsamsgebot, die der Mensch nicht besteht. So kommt der Mensch zu Fall (destitutio). Darauf folgt seine Erlösung
durch Christus (restitutio) bis zur Auffahrt des Herrn zum Vater. Dieser Drei-Schritt taucht in immer wieder anderen
Verknüpfungen auf: Der Mensch ist durchgängig von diesen Elementen und Kräften, die geradezu kosmisches Ausmaß haben,
bestimmt: Urstand, Mißstand, Wohlstand [29]. Darüber hinaus werden in großer Breite die Mißstände der Zeit - vor allem die
Simonie (Kauf geistlicher Ämter) und der Nikolaitismus (Priesterehe) - gegeißelt.
Im dritten und letzten Teil von Sci vias stellt Hildegard den Aufbau des Reiches Gottes in Form eines Gebäudes dar, wobei die
Menschen die sichtbaren Teile des Gebäudes, die Kirche, erstellen.
Liber vitae meritorum. Hildegards zweites großes Visionswerk, ist in den Jahren 1158 bis 1161 entstanden. In dieser Schrift geht
es um die Lebens-Anschauung, die Lebens-Entscheidung und Lebens-Führung des Menschen. Gerade dieses Werk zeigt, wie
stark Hildegards Schau in einer vorscholastischen, noch nicht dualistisch geprägten Anthropologie verwurzelt ist: nirgendwo ein
Gegensatz zwischen Gott und Welt, Leib und Seele, Mann und Frau. Sie schildert den Menschen, wie er ist: gütig, barmherzig
und liebevoll, aber auch boshaft, trotzig und in Sünde verstrickt. Das Gute und das Böse, das Helle und das Dunkle, das
Wachsame und das Schläfrige kommen in vielfachen Farben, Formen, Düften zu Gesicht, Gehör und Geschmack und damit vor
des Menschen Entscheidung [l1].
Liber divinorum operum. Das dritte große Werk Hildegards, ist in den Jahren 1163 bis 1174 entstanden und ist eine Welt- und
Menschenkunde. Damit schließt sich eine Trilogie, denn man darf sagen, daß Sci vias eine Glaubenskunde und der"Liber vitae
meritorum" eine Lebenskunde ist.
Dieses Spätwerk der inzwischen über 70jährigen Frau ist die eigentliche Kosmosschrift. Gott, Welt und Mensch sind in immer
neuen Bezügen dargestellt. In einer groß angelegten Interpretation des Prologs zum Johannesevangelium steht die dreieinige
Person des Schöpfergottes im Mittelpunkt dieser Schrift.
Zuletzt seien noch die beiden Werke zur Naturkunde, die Physica, und zur Heilkunde, Causae et Curae, genannt. Die Naturkunde
ist im Grunde ein mit 513 Einzelbeschreibungen reichhaltiges Kompendium der Flora und Fauna vor allem der Gegend um den
Disibodenberg. Darüber hinaus gibt es noch Kapitel über die Elemente, die Steine und die Metalle. Besonders hervorzuheben ist
dabei Hildegards bis heute einzigartiges Wissen über die Fischfauna in Glan und Nahe, wobei vor allem die Namenforschung
dadurch vorangetrieben wurde, daß die mundartlichen Bezeichnungen größtenteils noch heute in Gebrauch sind. Dabei darf aber
nicht übersehen werden, daß das Werk Hildegards zum Teil schon zu ihren Lebzeiten und später dann in größerem Umfang
vielfache Veränderungen und Interpolationen erfahren hat. Ob beispielsweise die deutschen Pflanzen- und Tiernamen spätere
Zusätze sind, läßt sich nicht mit Sicherheit sagen. Aber auch die vielfach zu beobachtende Erstbeschreibung von ursprünglich in
Deutschland nicht beheimateten Pflanzen sind für die Botaniker ein wahrer Glücksfall der Überlieferung.
Während Hildegard in der Physica schon auf die Nutzbarkeit von Pflanzen und Tieren für den Menschen eingeht, so befaßt sie
sich in der Heilkunde mit der körperlich-seelischen Verfaßtheit des Menschen: mit seinem Wohlbefinden, seinen Krankheiten und
seinen Unpäßlichkeiten. Zahlreiche Heilmittel aus der Naturkunde werden in der Heilkunde rezeptartig zur Behebung oder
Linderung von Krankheiten beschrieben. Dabei ist bezeichnend, daß sie ihre medizinische Schrift auf einem
theologisch-kosmologischen Hintergrund aufbaut:
1) Von der Schöpfung der Welt,
2) Vom Bau-Werk des Kosmos,
3) Von den
Welt-Elementen,
4) Von der Bildung des Menschen,
5) Vom gesunden und kranken Körper,
6) Wie ein Mensch wird,
7) Vom
geschlechtlichen Verhalten,
8) Der Mensch zwischen Schlaf und Wachen,
9) Krankheiten von Kopf bis Fuß,
10) Von den
Zuständen und Umständen des Weibes,
11) Von der Ernährung und Verdauung,
12) Vom Geschlechtsleben,
13) Von den
Gemütsbewegungen,
14) Von den Stoffwechselstörungen,
15) Von den Heilmitteln,
16) Von den Zeichen des Lebens,
17) Von
der gesunden Lebensführung,
18) Von der ärztlichen Fürsorge,
19) Von der Tugend des Arztes und
20) Das Bild des Lebens.
Im Prinzip sind damit alle wesentlichen medizinischen Teildisziplinen (außer der Chirurgie) abgedeckt.
"Diese Medizin Hildegards umfaßt alles, was dem frühen Mittelalter zugänglich war. Hier ist Diätetik zu finden, auf dem Boden
einer frühmittelalterlichen Humoralpathologie, eine spezielle Pathologie, die auf einer noch primitiven Physiologie fußt, eine
Therapie, in der Naturheilmittel eine große Rolle spielen. Daß der Aderlaß breit abgehandelt wird und auch das Badewesen in den
Anweisungen für ein gesundheitsgemäßes Leben eine große Rolle spielt, überrascht nicht" [2].
Die Quellen
In den vergangenen 40 Jahren, in denen sich durch die Edition und Übersetzung der Werke Hildegards 2 ein regelrechter Boom
ergeben hat, sind immer wieder die Fragen nach ihren Quellen gestellt und in verschiedener Weise beantwortet worden. Wie noch
zu zeigen sein wird, liegt die endgültige Aufklärung der Quellenfrage in weiter Ferne, weil Hildegard vorgibt, alle ihre Kenntnisse
allein von Gott zu haben, weshalb sie keinerlei Quellen zitiert. In ihrem gesamten Werk werden nur die beiden antiken Autoren
Platon und Lukan namentlich genannt [25]. Vorsicht ist bei der Suche nach den Quellen, aus denen die Visionärin schöpfte und
die sie so gut verbarg wie der berühmte Löwe im Physiologus, dennoch geboten. Nur ähnlich klingende Passagen oder bestimmte
Vokabeln allein reichen nicht aus, um ein direktes Entlehnen zu kennzeichnen. Sicher auszumachen sind für den Bereich der
Zoologie Isidor, Plinius und Ovid, für den Bereich der Botanik Macer Floridus, Wahlafrid und Quintus Serenus Sammonicus. Das
Unglück der Überlieferung will es, daß sich aus den Klöstern, in denen Hildegard lebte und wirkte, keinerlei Bibliotheken oder
wenigstens deren Kataloge oder Ausleihverzeichnisse erhalten haben. Daher muß hier die Forschung in die benachbarten Gebiete
gehen und an solchen Orten suchen, die Hildegard auf ihren zahlreichen Reisen besucht hat oder mit denen sie wenigstens in
Briefkontakt stand. Und so erweist sich auch, das es gerade im Rheinland reichhaltige Möglichkeiten gab, um der einschlägigen
Werke ansichtig zu werden: Die Abtei St. Martin in Köln zum Beispiel besaß im 12. Jahrhundert eine Abschrift von Plinius'
Auszügen aus Vitruvs De architectura, die sich im 7. Buch der Physica und in der vierten Vision des Liber divinorum operum, die die
Proportionen des menschlichen Körpers beschreiben, wiederfinden [21]. Was den Physiologus angeht, der die Hauptquelle von
Hildegards zoologischen Kenntnissen zu sein scheint 3, so waren viele Abschriften davon im Umlauf, bzw. man konnte über die
Schriften des Hieronymus, Ambrosius oder Augustinus darauf zugreifen. Heinrich Schipperges nahm 1957 noch an, daß
Hildegard keine Kenntnisse von den Schriften des 1087 verstorbenen Constantinus Africanus, der in der Literatur als
"weitgereister Drogenhändler" [2] vorgestellt wird, besitzen konnte. Es ist aber zu belegen, daß Bischof Bruno von Hildesheim im
Jahre 1161 12 Codices mit Schriften Constantins in seiner Bibliothek besaß [37]. Nähere Vergleiche ergeben, daß es große
Ähnlichkeiten zwischen Hildegards Werk und dem Pantegni, einer von Constantin angefertigten Übersetzung des Werkes von
AI-Magusi aus dem 10. Jahrhundert gibt. Von diesem Pantegni, einer Art Propädeutikum zum Galenismus, sind mehr als 100
Handschriften nachgewiesen, darunter auch eine auf ca. 1140 datierbare Abschrift in Hildesheim [7]. Freilich wird die Frage von
direkten Abhängigkeiten, Entlehnungen und Zitaten im Werk Hildegards nie vollständig aufzuklären sein. Bedacht werden
müssen auch die späteren Bearbeitungen und Ergänzungen, die das Werk Hildegards erfahren hat. Texte, die sich vielleicht noch
außerhalb der Reichweite Hildegards selbst befanden, könnten doch von denen benutzt worden sein, die ihr Werk fortführten. Zu
den "lnspirationsquellen" derer, die das Werk fortführten, wird man auch Rhazes zählen müssen [24, 25].
2 Hier sind vor allem Adelgundis Fuhrkötter, Angela Carlevaris und Lieven van Acker zu nennen, die entsprechende Editionen im Rahmen des Corpus
Christianorum Continuatio Mediavalis (CC CM) vorgelegt haben
3 Eine detaillierte Analyse dieser Abhängigkeitsverhältnisse bei Molinier [23]
Die Frage, was Hildegard gelesen hat und wie sie mit dem Wissen umging, läßt sich nicht mehr konkret beantworten. "An
Zugriffsmöglichkeiten ... fehlte es also im Rheinland des 12. Jahrhunderts nicht, aber die Geschichte der Texte und der
mittelalterlichen Bibliotheken erlaubt es uns nur anzunehmen, daß auch Hildegard mit diesen Schriften in Kontakt treten konnte"
[25]. Ein möglicher Zugang zur Annäherung an eine Lösung der Frage, wie Hildegard einen Zugriff auf die aktuellen
medizinischen Schriften bekommen haben mag, scheint mir über ihren Ortsordinarius Erzbischof Adalbert 11. von Mainz
(1138-1141) zu gehen. Dieser hatte vor Antritt seines Amtes u.a. auch in Montpellier, das neben Salerno das zweite große
Zentrum für medizinische Studien im Europa des 12. Jahrhunderts war, auch Medizin studiert. 4 Adalbert II. hatte sicher Kontakt
zu Hildegard, wie aus verschiedenen Quellen hervorgeht [5]. Könnte nicht der junge Neffe des Erzbischofs Adalbert 1.
Informationen an die wißbegierige Äbtissin Hildegard vermittelt haben? Wären auf diesem Weg die Kenntnisse salernitanischer
Medizin in Hildegards Werken zu erklären? Schlußendlich müssen diese Fragen offenbleiben, aber sie weisen in eine neue
Richtung der Quellensuche.5
4 Dieses wird in seiner Vita, die von einem Mainzer Scholaster Anselm verfaßt wurde, berichtet (Jaff6, Bibliotheca rerum Germanicarum 3, Berlin 1866, 59217):
Hinc adolescenti succeditur advenienti Mons Pessulanus, cui presidet incola sanus, phisica qua sedes medicis concessit et edes. Hic et doctrina preceptaque de
medicina a medicis dantur, qui rerum vim meditantur, sanis cautelam, lesis adhibendo medelam. Ergo manens didicit breviter, quod phisica dicit, perspiciens
causas naturae, res sibi clausas; non ut lucra ferat vel opes hoc ordine querat, sed quia de rerum voluit vi noscere verum. - Diese Verse wurden etwa 1142 verfaßt
[39]; ist dort nicht ein Anklang an die Beschlüsse des Lateranense II von 1139 zu hören? (vgl. [1])
5 Adalbert 11, verstarb in jungen Jahren und plötzlich am 17. Juli 114 1. Die Ursache seines Todes soll eine Vergiftung gewesen sein; ist hier eine
(selbstfabrizierte?) falsche Medikation im Spiel gewesen? -Der spätere Erzbischof Heinrich I. von Mainz, der Hildegards Schrift Papst Eugen III. vorlegte,
wurde am Hof Adalberts I. und Adalberts II. groß
Hildegards Prinzipien der Heilkunst
Von der Medizin als eigenständiger Wissenschaft kann man in der Zeit vor der Begründung der ersten Universitäten kaum
sprechen. Hildegards Werk Causae et Curae spiegelt im Prinzip die beiden vorhandenen Disziplinen wider: die Heilskunde und die
Heilkunde. Nur auf dieser Grundlage, die wir heute verloren haben, ist die Definition von Krankheit bzw. Gesundheit überhaupt
zu verstehen: in dieser ganzheitlichen Auffassung werden beide "Zustände" als miteinander vereinbar gesehen, denn der Mensch
strebt nach dem Heil im Ganzen. Das bedeutet, daß ein Mensch zugleich gesund und todkrank sein kann. Der Lorscher Codex
(um 800) beschreibt Medizin als"Wissenschaft von den Heilverfahren", erdacht zum"Wohlbefinden des Leibes", differenziert
aber in bezug auf die Heilung sehr deutlich zwischen einer verderblichen Gesundheit (sanitas perniciosa) und einer heilsamen
Krankheit (salubris infirmitas) [35].
Dabei ist Hildegards Ansatz zunächst gar nicht originär, sondern fußt auf der Tradition: alle Elemente der antiken
Humoralpathologie, die Konzeption der menschlichen Natur nach dem Alten Testament (Genesis), frühmittelalterliche
Etymologien, germanisches Kräuterwissen und Volksmedizin sowie die durch lebhaften Austausch von fränkischen,
iro-schottischen, spanischen und italienischen Klöstern ausdifferenzierte Mönchsmedizin. Außerdem kennt sie offenbar
Constantinus Africanus, der in Salerno und Monte Cassino wirkte, und vielleicht auch Avicenna, dessen Karton die medizinische
Bibel für Jahrhunderte wurde. Hildegard geht dabei aber nicht wesentlich über das damals in Deutschland bekannte natur- und
heilkundliche Wissen hinaus. Bei ihr finden sich nur Anklänge der neuen, die Naturkunde und die Medizin revolutionierenden
Entwicklungen des 12. Jahrhunderts.
Was aber ist neu oder originär? Der entscheidende Unterschied von Hildegards "Medizin" zu der ihrer Vorgänger oder
Zeitgenossen ist die Legitimation, aus der heraus sie das, was sie weiß, mitteilt: Alles ist durch göttlichen Willen an sie
geoffenbart worden. Nichts weiß sie aus sich selbst heraus; sie ist zum einen indocta mulier 6 zum anderen nur das Gefäß, in
welches dieses Wissen geschüttet wird. So erklärt sich die einzigartige Synthese der medizinischen Tradition mit der christlichen
Spiritualität und Frömmigkeit, von technae therapeutikae und misericordia. Hildegard ist die herausragende Vertreterin dieses
Bündnisses im 12. Jahrhundert, aber gleichzeitig auch in gewisser Weise der krönende Abschluß: Im Jahre 1139 tagt in Rom
unter dem Vorsitz von Papst Innozenz 11. das zweite Lateran-Konzil, welches im Canon 9 bestimmt, daß genau diese heil- und
heilsbringende Synthese zumindest auf der institutionellen Ebene aufgelöst werden wird: kein Priester darf mehr als Arzt tätig
sein [l].7 Dabei liegt diese Verquickung um so näher, als nach mittelalterlichem Verständnis Krankheit einerseits als eine Reaktion
auf Verfehlen oder zumindest Unterlassen bewertet wird (status deficiens), andererseits als Folge der Versuchungen und
Anfechtungen durch den Teufel.8 Die logische Folge ist daher auch die Sichtweise der Umkehrung dieser Entwicklung, dem
Heilungsprozeß: Die Ursache der Störung des natürlichen Gleichgewichts muß den ganzen Menschen erfassen und nicht nur den
erkrankten Teil des Körpers. Damit wird dann auch mehr erreicht, als nur die Wiederherstellung einer organischen Teilfunktion,
sondern ein "Heilwerden" zu einer nichtschuldhaften und der Schöpfung gerecht werdenden Lebensführung. Die Aufgabe des
Arztes, der sich nicht nur um den Körper, sondern auch um die Seele und damit den ganzen Menschen sorgen soll, ist daher auch
nicht so sehr das Sanieren als vielmehr in dieser allumfassenden -von der discretio geleiteten - Barmherzigkeit: Die misericordia
ist immer ein sich dem Menschen zuwenden (flectens se ad hominem), ein Mitleiden mit dem Kranken (miseriis compatiens)9
und ein Beistehen (cooperiens hominem) 10; sie ist letzter Ausdruck der Mitmenschlichkeit.
Hildegard preist die Barmherzigkeit als besonders gutes Heilmittel (magna medicina) an 11, als ein "überaus liebliches Heilkraut in
Luft und Tau und aller grünenden Frische, da ihr Herz voll ist, einem jeden jedwede Hilfe anzubieten." 12 Der Mensch ist als
Ganzer zu Heil und Heilung berufen. "Letztlich beinhaltet ja Heilen - in der Sicht Hildegards -: das tun und lassen, was dem Heil
des ganzen Menschen dient [10, 31]."
6 So bezeichnet sich Hildegard selbst in der 8. Vision des 3. Buches im LDO
7 Canon 9: Prava autem consuetudo, prout accepimus, et detestabilis inolevit, quoniam monachi et regulares canonici post susceptum habitum et professionem
factam, spreta beatorum magistrorum Benedicti et Augustini regula, leges temporales et medicinam gratia lucri temporalis addiscunt... Ipsi quoque, neglecta
animarum cura, ordinis sui propositum nullatenus attendentes, pro detestanda pecunia sanitatem pollicentes, humanorum curatores se faciunt corporum
8 Hildegard spricht in ihren Werken in vielfältiger Weise vom Diabolus, Lucifer, Satanas, Serpens oder Vermis, der auf verschiedenartigste Weise versucht, dem
Menschen und seiner Gesundheit an Leib und Seele zu schaden
9 Sci vias 111,
10, 26 (CC CM 43A, 568)
10. Sci vias 111, 3, 8 (CC CM 43A, 380)
11 Sci vias 1, 2, 19 (CC CM 43, 27)
12 Liber vitae meritorum 1, 8 (CC CM 90, 16)
Ärztliche Ethik?
Hildegard stellt uns in ihren Schriften keine explizite ärztliche Standeslehre vor. Wir finden keinerlei Hinweis auf
den"Hippokratischen Eid". Hildegard spricht auch nicht von konkreten Anweisungen für den Heiler oder den Pfleger, es gibt
keine Merk- oder Leitsätze. Und doch muß die Frage nach einer christlichen Ethik des Mittelalters immer wieder gestellt werden.
Die Möglichkeit einer philosophischen Ethik als eigener Disziplin wird für die vorthomistische Zeit in der Regel verneint; man
spricht lieber von einer aszetisch-mystischen Mönchsfrömmigkeit in dieser Phase der Frühscholastik [18]. "Solange sich
christliche Weisheit auf die in der Kontemplation gegebene Unmittelbarkeit von Gott berief, mußte die rationale Argumentation
schweigen, konnte auch Ethik keinen eigenen Sinnanspruch anmelden [12]". Vor allem Alois Dempf haben wir es aber zu
verdanken, daß die Notwendigkeit einer umfassenden Erforschung der symbolischen Systematik, die "viel großartiger als die der
vorthomistischen Schulsysteme" ist, im Rahmen einer Gesamtdarstellung der mittelalterlichen Ethik vorangetrieben wurde [15,
33]. In ihrem Spätwerk des Liber vitae meritorum beschäftigt sich Hildegard auch mit ethischen Grundfragen. Dabei greift sie
wieder zu Bildern und Fragestellungen aus ihrem Erstlingswerk Sci vias: die Tugenden/Laster treten als handelnde Personen auf
und definieren Gut und Böse. Die Würde und Freiheit des Menschen besteht in seiner Mächtigkeit, das von ihm erkannte und
unterschiedene Gute und Böse zu tun bzw. zu meiden. Hierin verwirklicht er sich selbst und damit zugleich seine
Gottebenbildlichkeit. Dank seiner rationalitas berührt der Mensch Gott und wird ihm ähnlich .13 Nach der Ansicht Hildegards -
fußend auf der Tradition der Anthropologie des Alten Testaments - gründet die Würde, Mensch und zugleich Person zu sein,
nicht in empirisch feststellbaren Qualitäten, sondern darin, daß Gott den Menschen zu seinem Ebenbild bestimmt hat.
13 Epist. 9: Hildegardis ad Hartvvigum archiepiscopum Bremensern: (CC CM 91, 26): Homo tangit Deum, qui nec initium necfinem habet, ubi rationalitas in
homine Deum imitatur, et quia etiam seientia boni et mali Deum ostendit. Sic est rota eternitatis
Die Mutter aller Tugenden: die Discretio
Kaum ein mittelalterlicher Gelehrter hat soviel über das Verhältnis von Leib und Seele nachgedacht wie Hildegard von Bingen.
Dabei kommt-wie an vielen anderen Stellen im ganzen Werk Hildegards - die Discretio als Mutter aller Tugenden, als handelnde
und anleitende Person zur Sprache. 14 Dieses wichtige Element benediktinischer Spiritualität tritt uns bei Hildegard als Leitmotiv
mit-menschlieben Handelns, als Leitfaden des Verhaltens entgegen. Abhängig von Johannes Cassian (ca. 360-435), der wohl als
erster die Idee des Maßes als Akt der Vernunft durch den Begriff discretio wiedergab (Conlationes 1 16-22 und 11), wird diese
"Mutter aller Tugenden" im Mittelalter zur Grundlage christlicher Spiritualität und zum Handlungskriterium [4, 32, 38]. In ihrer
Betrachtung über die Sancta Discretio beschreibt Edith Stein die sieben Gaben des Heiligen Geistes als verschiedene
Ausprägungen der zugrundeliegenden einen Gabe der discretio und betont den Unterschied zur natürlichen Fähigkeit zu
Maßhaltung und Klugheit [34].
14 Sci vias 111, 6, 7 (CC CM 43 A, 438): Ego, mater virtutum, iustitiam Dei in omnibus rebus semper habeo. Nam in spiritali militia et in saeculari strepitu
conscientiam meam Deum meum semper expecto. Non damno, non conculo, non sperno reges, duces et praesides ac cetera saecularia magisteria, quae ab auctore
omnium rerum ordinata sunt
Mit discretio ist nicht Diskretion im modernen Sinne sondern vielmehr Demut, liebevolle Hinwendung, Aufmerksamkeit, Geduld, Umsicht,
rechtes Maß halten, Weisheit und Klugheit gemeint. Dabei sorgt die discretio für den richtigen Ausgleich aller anderen Tugenden und
Handlungskriterien des Menschen. Die Lebensordnung ist dabei getragen von den Grundsätzen dieser Umsicht, aber auch der Maßhaltung
(moderatio). Motivation dafür ist die Barmherzigkeit (misericordia), die ausgerichtet ist auf die Sorge (cura) um den Mitmenschen. Hildegard
faßt diese ganzheitliche Lebensauffassung so zusammen: "Die Seele durchfließt den Leib wie der Saft den Baum. Der Saft bewirkt, daß der
Baum grünt blüht und Früchte trägt. Und wie kommt die Frucht des Baumes zur Reife? Durch den angemessenen Wechsel der Witterung. Die
Sonne spendet Wärme, der Regen Feuchtigkeit, und so reift sie sich unter dem Einfluß des Wetters aus. Was soll das? Der Sonne gleich
erleuchtet die barmherzige Gnade Gottes den Menschen, dem Regen gleich betaut ihn der Hauch des heiligen Geistes, und das rechte Maß
(discretio) zeitigt in ihm wie ein entsprechender Wechsel der Witterung die Vollkommenheit guter Früchte." 15
Diese discretio ist das Maß aller Dinge, des Ablaufs des Lebens wie des einzelnen Tages hin zur Vollendung im Heil. Heilskunde und
Heilkunde (causae et curae), die beiden Grunddisziplinen der hochmittelalterlichen Medizin, wie es Heinrich Schipperges, der Nestor der
Hildegardforschung treffend beschrieben hat, zeigen in dieser Lebensverfassung das Wesen einer christlichen medizinischen Ethik auf, welches
auch heute Maxime des "diskreten" Arztes sein sollte: Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit mit dem Ziel des Heils und der Heilung [28, 30]16.
15 Sci vias 1, 4, 25 (CC CM 43, 84)
16 Der berühmte Satz des Medizinhistorikers und Psychologen Heinrich Schipperges "wir sind nicht nur da, um Blut zu stillen, sondern auch um Tränen zu
trocknen", faßt diese Aufgabe noch einmal ganz im Sinne der Hildegard zusammen und sollte Leitmotiv der Ethik-Debatte unserer Tage sein
Wie alle Tugend des Menschen, so besteht auch der spezifische Habitus des Arztes in einer virtus. Damit ist zweierlei gemeint: einmal die
Berufung von Gott her, zum zweiten der konkrete Beruf, den der Mensch verwirklicht. Die für den Arzt konstituierende Tugend ist nach
Hildegard die misericordia, die Barmherzigkeit. Mittel der Barmherzigkeit ist vor allem der Trost, ihre Form ist die discretio, und ihr Ziel das
Heil.
Wir wissen, daß Hildegard Kranke behandelt hat, obwohl nur sehr spärliche Quellen dazu vorliegen. Deutlicher zeigt sie sich uns vor allem in
den Briefen als eine Helferin der Unterdrückten und Armen, als Anwältin der körperlich wie seelisch Notleidenden. Dabei war sie Zeit ihres
Lebens selbst leidend, und oft fehlte ihr nach eigenem Zeugnis die Gesundheit, Kraft und Stärke. 17 Ihr eigenes Kranksein hat Hildegard
durchaus christlich aufgefaßt und angenommen und sie ist sich darüber klar, daß die Auseinandersetzung mit dem eigenen Leid und der fremden
Not Kraft kostet: "Wie könnte der Mensch, das Bild Gottes, ohne Prüfung bleiben? Mehr als jedes andere Wesen muß der Mensch geprüft
werden. 18
Mit den Gestalten der Kraft (fortitudo) und der Barmherzigkeit (misericordia) ist das Leitbild des Arztes gegeben. Schon aus dem oben
genannten Begriff der Krankheit heraus kann ärztliches Tun nicht als bloßes Sanieren und Praktizieren angesehen werden. Nur in der dienenden
Haltung der Barmherzigkeit kann der Arzt dem Leben dienen: "Einen Menschen, der Wunden hat und sie mit Öl bestreicht, der aber das
Eingießen von Wein in die Wunde nicht aushält, soll der Arzt oft mit Mitleid salben." 19
Die Figur der Barmherzigkeit - wie alle Tugenden immer eine Frauengestalt - tritt in eine Diskussion mit der Hartherzigkeit, die jede gesunde
private und öffentliche Atmosphäre zerstört: sie ist der größte Feind des Arztes. Freunde hingegen sind die Weisheit (sapientia) und die
temperantia .20 Die misericordia, das Leitbild ärztlicher Ethik und die discretio' das Leitbild für die ärztliche Fürsorge, stehen in einem
gemeinsamen Verbund: "Das bedeutet Barmherzigkeit: Denn je mehr der Mensch durch wahre Selbstzucht die Herrschaft über sich selbst
erlangt, desto bereiter neigt er sich in barmherziger Liebe dem hilfsbedürftigen Nächsten zu." 21
17 Epist. 223R: Hildegardis ad clerum (CC CM 91A, 490): Ego perpaucula forma, que in me nec sanitatem nec virn nec fortitudinem nec doctrinam habeo
18 Sci vias 1, 2, 29 (CC CM 91, 32f)
19 Epist 199: Hildegardis ad Cunradurn sacerdotem (CC CM 91 A, 427)
20 Epist 57: Hildegardis ad abbatem (CC CM 19A, 136f)
21 Sci vias 3, 3, 8 (CC CM 43A, 380)
Aus dieser christlichen Gesinnung Hildegards erwächst ganz selbständig der Arzt als Pfleger des ihm anvertrauten Lebens. Dazu bedarf es
keiner besonderen Berufung mehr, keiner Standeslehre und keines Berufseides. Und wie immer in den Schriften hat sie für den Leser wieder ein
Bild, ein Vor-Bild bereit: Abraham, der"Vater der Barmherzigkeit". "Abraham wurde der Barmherzigkeit Vorbild, da er seinen einzigen Sohn
auf den Opferaltar legte". 22 Wurde jemals ein größerer Eingriff vom Menschen verlangt? Ist nicht alles Eingreifen ein Opfern? Kann auf eine
andere Art überhaupt Heil aus der Krankheit werden? Krankheit hat zwar Macht über den Menschen, aber sie hat kein Recht auf ihn. 23 Der
Eingriff gehört unausweichlich zum ärztlichen Tun. Der Arzt greift ständig in den Organismus, in die Seele, in die Privatsphäre des Menschen
ein. Aber er darf dabei nicht vergessen, daß er nie der Lenker sondern immer der Hüter des Lebens ist. 24 Schon durch die discretio ist er auf
diesen maßvollen Weg verwiesen, auf dem Fragen der Züchtung oder Experimente einer Auslese gar nicht auftreten. Gott allein weiß, wie sehr
oder wie lange Lebenswerk" ist, und er allein kann vorsehen, wann er es wieder zu sich nehmen will. Deshalb heißt Hildegards Parole für eine
ärztliche, seelsorgerliche wie allgemein mitmenschliche Ethik: "Pflege das Leben bis zum äußersten! Sei stark und gerüstet auf jedem Gebiet,
und pflege das Leben, wo du es antriffst." 25
22 Ebd
23 Krankheit darf daher- nach christlicher Sichtweise - niemals als gottgewolltes Schicksal oder als Läuterung/Prüfung durch Gott verstanden werden mit der
Konsequenz, sich in sein Schicksal zu begeben und zu kapitulieren. Die biblischen Aussagen bezeugen, daß Jesus die Menschen nicht gelehrt hat, den Sinn ihrer
Krankheit zu erkennen, sondern er hat sie von ihren Krankheiten geheilt, um sie für die Botschaft des Glaubens zu öffnen. Hier muß auf das von Hildegard
aufgegriffene Christus-Medicus-Motiv hingewiesen werden: das ethische Verständnis ärztlichen Handelns findet sein Maß im Vorbild Jesu in seiner unbedingten
Zuwendung zum kranken Menschen
24 Die aktuelle Debatte bezüglich der Reform der Approbationsordnung bemüht sich zusehends auch um die Stärkung der Geisteswissenschaften im
Medizinstudium. "Der ökonomische Druck trägt zweifellos dazu bei, daß historische, philosophische, ethische oder religiöse Fragen an Universitätskliniken, dort,
wo auch auf hohem Niveau geforscht und geheilt werden soll, wo aber auch Menschen leiden, sich ängstigen, hoffen, ihr Leben überdenken, Grenzsituationen
durchschreiten und sterben, eine eher marginale Rolle spielen [3]
25 Epist. 144R: Hildegardis ad Cunradum abbatem (CC CM 91 A, 322) [28]. Nach christlichem Verständnis umfaßt die Aufgabe des Arztes immer beides: der
Arzt soll für den Patienten ein Helfer und Heiler, aber eben auch ein Begleiter in der Krankheit mit allen ihren Folgen - auch dem Sterben -sein
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