Sterbehilfe, ärztliche Sterbebegleitung und Grenzen zumutbarer Behandlung

Josias Mattli

Zusammenfassung

Gemäss Standesordnung der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH gehört auch die anspruchsvolle und schwierige Aufgabe der Sterbebegleitung zur Aufgabe des Arztes; eine enge Zusammenarbeit mit dem Spitalseelsorger ist dabei von grossem Nutzen.

Bezüglich Sterbehilfe verfügen die Ärzte in der Schweiz nebst gesetzlicher Bestimmungen über die international und politisch anerkannten Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften als ethische Leitlinie. Die Situation der aktiven Sterbehilfe, der Euthanasie, ist als Tötung im Schweizerischen Strafgesetzbuch verboten und wird auch von der Standesordnung der FMH klar abgelehnt. Ganz anders ist die passive Sterbehilfe in bestimmten Situationen legal und als Reduktion der ärztlichen Tätigkeit auf Linderung von Schmerzen und Leiden, unter Verzicht auf lebenserhaltende Massnahmen, ethisch vertretbar und in den Richtlinien der Schweizerischen Medizinischen Wissenschaften geregelt für sterbende Patienten ohne Aussicht auf ein weiteres Leben mit kognitiven Fähigkeiten, Willensäusserung und Kommunikation. Schriftliche Patientenverfügungen sind für den Arzt verbindlich. Vor etwa 15 Jahren erkannt und unterdessen durchgesetzt hat sich die Dehydratation moribunder Patienten zur Linderung des Leidens mittels Restriktion der Flüssigkeitszufuhr.

Ohne Suizid und Suizidenten zu verurteilen, ist die Beihilfe zum Suizid juristisch nicht unbedenklich und ethisch als ärztliche Tätigkeit ebenso abzulehnen wie jegliche ärztliche Beteiligung an der sogenannten Freitodbegleitung, die von der schweizerischen Vereinigung für humanes Sterben EXIT angeboten wird; die Freiheit bei Entscheidungen zum Freitod ist zweifelhaft. Die Bedeutung des natürlichen Sterbens innerhalb des individuellen Lebensweges sowie der mögliche Sinn eines durch die Medizin erträglich gestalteten Leidensweges werden oft zuwenig bedacht.

Dilemma am Krankenbett: Reanimation ja oder nein? Nimmt man dem Patienten vielleicht die Chance, bei vertretbarer Lebensqualität weiter zu leben oder die Chance, würdig zu sterben und einen längeren Leidensweg zu umgehen? Was an Therapie ist einem Patienten noch zumutbar? Als Arzt neigt man eher dazu, Leben zu erhalten und zu viel und zu aggressiv zu behandeln als das Sterben zuzulassen.

Einleitung

Sobald es um Fragen des Sterbens, Sterbenlassens oder "Sterbenmachens" geht, was für uns an der Front tätigen Ärzte zur Tagesordnung gehört, gerät man auch als Arzt neben der fachlichen Belange unweigerlich in juristische, aber ebenso auch in philosophische, religiöse und vor allem in ethische Fragenkreise. Ganz in diesem Sinne sind die folgenden Ausführungen aus der Sicht eines medizinischen Pragmatikers und gleichzeitig ethischen Laien zu betrachten.

Diese Fragenkreise widerspiegeln sich schon rein sprachlich. Das deutsche Wort "sterben" geht auf die indogermanische Wortwurzel *[s]terp- zurück mit der Bedeutung einfrieren, starr werden, erstarren. In der klassischen Antike stossen wir in der altgriechischen Sprache für sterben auf das Wort [apothnäsko], wortverwandt mit [thanatos], was Tod bedeutet und seinerseits von der indogermanischen Wurzel *dhuen hergeleitet wird, mit der Bedeutung wirbelnder Rauch, Dunst, aber auch dunkler Dampf.
Ein weiterer Ausdruck für sterben im Altgriechischen ist [teieutao], worin [telosi] - eigentlich die Wendung, dann auch das Ende, die Grenze, das Ziel - steckt und das also bedeutet: eine Wendung, ein Ziel, eine Grenze erreichen, etwas vollenden. Besonders häufig im Neuen Testament der Bibel, ganz speziell in Anwendung auf Christen, wird für sterben die Vokabel [koimaomai] verwendet, zu übersetzen mit sich schlafen legen, entschlafen - sicher ein Brückenschlag zum Auferstehungsgedanken.

Ist Sterben eine Krankheit? Ist der Tod ein endgültiges Versagen unserer Medizin? - Unter gewissen Umständen vielleicht ja, prinzipiell müsste man diese Fragen aber verneinen - es sterben auch "Gesunde". Allerdings führen medizin-technisch gesehen diverse, schliesslich fatale Funktionsstörungen der physiologischen Abläufe zum unmittelbaren Ende des biologischen Lebens, Störungen, die wir geneigt sind als krankhaft zu bezeichnen. Somit würde der Tod und vornehmlich der Sterbeprozess in den ärztlichen Zuständigkeitsbereich fallen.

Ist der Tod etwas Schlechtes, oder etwas Gutes? Immerhin gehört er so sicher wie sonst fast nichts zu jedem irdischen Leben. Was ist überhaupt Leben? Der Begriff umspannt den Bereich vom biologischen Leben der Zellen bis zum Phänomen der Persönlichkeit mit den Fähigkeiten der Kognition, freien Willensäusserung und zwischenmenschlichen Kommunikaton. Letztere Definition dürfte unserer modernen Begrifflichkeit von "menschlichem Leben" wohl am nächsten kommen. Letztlich handelt es sich um philosophische, psychologische und theologische Fragen, wobei auch ethnologische Aspekte eine wichtige Rolle spielen, besonders, wenn es um die Aufgabenbeschreibung des Arztes geht.

In der abendländischen Kultur hat der berühmte Arzt HIPPOKRATES VON KOS bereits vor fast 2500 Jahren prinzipiell noch heute gültige Grundsteine der ärztlichen Ethik gelegt. So wird in seinen Schriften jegliche Form der Tötung menschlichen Lebens absolut und vehement abgelehnt. Kaum behandelt wird die Frage der Lebensverlängerung; dies muss wohl unter dem Aspekt gesehen werden, dass damals die technisch-fachlichen Möglichkeiten dazu schlichtweg praktisch nicht gegeben waren - ganz im Gegenteil zu unserer heutigen Situation, wo gerade die Fragen der Sinnhaftigkeit und ethischen Vertretbarkeit, und neuerdings auch der finanziellen Machbarkeit, apparativer und auch medikamentöser sogenannt "künstlicher" Lebensverlängerung heiss diskutiert werden.

Sterbebegleitung

Gemäss Art. 2 der Standesordnung der FMH, der Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte, sind Ärzte auch zur Betreuung Sterbender verpflichtet. Nebst palliativer Massnahmen, wie Behandlung oder oft nur Linderung von Schmerz, Atemnot und Angst, gehören zur Sterbebegleitung Gespräche mit dem Patienten und meist auch mit seinen Angehörigen. Solche Gespräche sind anspruchsvoll und schwierig, fehlt uns allen doch die Erfahrung des eigenen Todes, ja schon Gedanken daran neigen wir als Lebende zu verdrängen. Der grosse klinische Lehrer, Professor Frank Nager aus Luzern, hat im klinischen Alltag vorgelebt, dass das direkte Befragen des Patienten nach seinen Vorstellungen des Todes und nach damit verbundenen Ängsten meist sehr positiv aufgenommen wird -, auch das Erfragen des Inhaltes von Träumen des Sterbenden kann dabei als Einstieg sehr hilfreich sein. Eine enge Zusammenarbeit mit den Spitalseelsorgern, zumindest hier in Davos gelegentlich auch über die Konfessionen hinweg, ist gewöhnlich sowohl für den Patienten als auch den Arzt von grossem Nutzen.

Als ethische Leitlinien bezüglich Sterbehilfe verfügen wir Ärzte in der Schweiz heute neben der gesetzlichen Bestimmungen über die Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Diese Richtlinien gelten international als Pionierarbeit auf diesem Gebiet und sind auch politisch anerkannt. Etwas offen ist die Frage der Zuständigkeit. Wer ist für solche Richtlinien letztlich verantwortlich? Sind es die Ärzte, die Fakultäten, oder der Staat? - Ursprünglich entstanden sie in den sechziger und siebziger Jahren unseres Jahrhunderts, primär als Forderung von Wissenschaft und Forschung. Die praktische Umsetzung und die Verantwortung dafür liegt naturgemäss in ärztlicher Hand.

Aktive Sterbehilfe

Einfach ist die Situation der aktiven Sterbehilfe, auch als Euthanasie (der gute Tod, der angenehme Tod) bezeichnet; sie wurde in dunklen Kapiteln der Medizingeschichte um den zweiten Weltkrieg in krimineller Weise praktiziert. Gemeint ist das willentliche Beenden menschlichen Lebens als Tötung. In der Schweiz ist sowohl die aktive, vorsätzliche Tötung (gemäss Art. 111 des Strafgesetzbuches) als auch Tötung auf Verlangen (gemäss Art. 114) klar verboten und wird mit Zuchthaus beziehungsweise Gefängnis bestraft. Auch vom ethischen Standpunkt aus wird die aktive Sterbehilfe in der Standesordnung der FMH (Art. 17) als mit ärztlicher Ethik nicht vereinbar klar abgelehnt. - Bedenklich stimmt einen in diesem Zusammenhang die Legalisierung der Euthanasie, wie dies zum Beispiel in den Niederlanden 1994 geschah, und wo bereits vor der gesetzlichen Freigabe gemäss Untersuchungen angeblich bei etwa 3% der Sterbefälle der Tod durch ärztliche Hand herbeigeführt wurde; in rund der Hälfte dieser Fälle (0.5-1.6%) soll dies sogar ohne ausdrückliche Einwilligung des Sterbenden (infolge eingeschränkter oder fehlender Urteilsfähigkeit) geschehen sein!

Passive Sterbehilfe

Ganz anders steht es bei der sogenannten passiven Sterbehilfe, die in bestimmten Situationen legal ist und bei uns praktiziert wird. Man versteht darunter das Weglassen oder Abbrechen lebensverlängernder Massnahmen; dies sind vornehmlich die künstliche Zufuhr von Wasser, Nahrungszufuhr und Sauerstoff, die künstliche Beatmung, Medikamente, Bluttransfusionen und die Dialyse. Rein juristisch gesehen steht der Arzt nach Übernahme der Behandlung in Garantenstellung; ob das Unterlassen von Massnahmen zur Lebenserhaltung dabei bereits als Tötung gilt, ist eine Wertungsfrage.
Von ethischer Seite im Detail geregelt ist die passive Sterbehilfe in den bereits erwähnten Richtlinien der Schweizerischen Medizinischen Wissenschaften, die auch in der Standesordnung der FMH integriert sind und folgendes festhalten:

Bei Patienten mit Krankheiten oder Traumata, die in absehbarer Zeit unabwendbar zum Tode führen, und bei hirngeschädigten Patienten in vegatativem Zustand (irreversibles Fehlen kognitiver Fähigkeiten, der Willensäusserung und der Kommunikation nach mehr- monatiger Beobachtung) darf sich der Arzt auf rein palliative Massnahmen (Linderung von Schmerz, Atemnot, Angst und Verwirrung) beschränken; lebensverlängernde beziehungsweise lebenserhaltende Massnahmen dürfen nach Besprechung mit Angehörigen und dem Pflegepersonal weggelassen oder abgebrochen werden, falls dies ein urteilsfähiger Patient wünscht. Beim urteilsunfähigen Patienten soll der Arzt primär gemäss Diagnose und mutmasslicher Prognose in eigener Verantwortung handeln und nicht Anweisungen Dritter befolgen. Im Falle einer ungewissen Prognose sind frühere Aussagen des Patienten, aktuelle Zeichen seines Lebenswillens und die Aussicht auf ein Leben in zwischenmenschlicher Kommunikation massgebend. Dabei soll ein von den Angehörigen gebilligtes Vorgehen angestrebt werden.

Patientenverfügungen, worunter man schriftlich festegelegte Willensäusserungen zuvor mündiger Patienten versteht, sind für den Arzt verbindlich, ausser sie verlangen von ihm rechtswidriges Verhalten oder den Abbruch der Lebenserhaltung, obwohl nach allgemeiner Erfahrung Lebenswille und zwischenmenschliche Kommunikation wiederkehren würden.

Palliativ-medizinische Massnahmen, vornehmlich die Analgesie (Schmerzbekämpfung), dürfen im Rahmen der passiven Sterbehilfe das Risiko einer Lebensverkürzung in sich bergen. Niemals aber darf die Lebensverkürzung selbst Ziel ärztlichen Handelns sein.

Flüssigkeitszufuhr bei Sterbenden

Zur Flüssigkeitszufuhr bei Sterbenden: 1983 wurde, zuerst vonseiten des Pflegepersonals über Beobachtungen berichtet, wonach dehydrierte (ausgetrocknete) Sterbende weniger leiden als normohydrierte (normal bewässerte) Patienten. Anschliessende Untersuchungen haben dies eindeutig bestätigt. Während früher bei Sterbenden wenigstens die Gabe von Flüssigkeit fast als Dogma galt, muss heute das Gegenteil vertreten werden, ganz im Sinne eines Zitates aus der Fachliteratur, wonach bei Moribunden eine Infusion mehr Ausdruck guten Willens sei, als dass sie gutes bewirke.

Wir wissen heute, dass die Flüssigkeitsgabe das Leiden nicht nur verlängert, sondern es auch verstärkt! Weniger Flüssigkeit im Magen-Darmtrakt führt zu weniger Erbrechen, weniger Flüssigkeit in Rachen und Bronchien zu weniger Würgen, Husten, Röcheln und Atemnot; das unangenehme Absaugen der Luftwege wird seltener nötig. Zudem führt die Hämokonzentration (Eindickung des Blutes) zur erhöhten Ausschüttung von Endorphinen (morphiumartige Substanzen im Zentralnervensystem), welche die Schmerzverarbeitung und das Wohlbefinden günstig beeinflussen. Während nach akutem Verlust von Körperflüssigkeit Durst auftritt, führt chronischer, langsamer Flüssigkeitsverlust zum Symptom des trockenen Mundes, dem sehr gut begegnet werden kann. Langsam dehydrierte Patienten klagen praktisch nie über Durst. Emotionale Probleme auf Seiten des Pflegepersonals sind in den letzten Jahren bei zunehmender Akzeptanz der Dehydratation (Methode der Flüssigkeitsrestriktion) in den Hintergrund getreten- trotzdem ist es vorallem gegenüber Angehöriger manchmal opportuner, eine Infusion anzulegen, dabei aber die zugeführte Flüssigkeitsmenge tief zu halten.

Beihilfe zum Suizid

Nach der aktiven und passiven Sterbehilfe wollen wir uns noch mit dem Suizid (Selbsttötung) beschäftigen, besonders mit der Beihilfe zum Suizid. Juristisch gesehen ist dabei die Tatherrschaft wesentlich; liegt diese bei der aktiven Sterbehilfe eindeutig bei einer Drittperson, nämlich beim Arzt, so ist sie im Falle von Suizid beim Opfer, dem Patienten selbst. Somit ist die Beihilfe zum Suizid in denienigen Fällen straffrei, wo die Tat auf völlig freier Entscheidung des Opfers beruht und der Beihelfer keinerlei persönliche Vorteile aus der Tat davontragen kann. Verankert ist dies im Schweizerischen Strafgesetzbuches (Art. 115). Die juristische Beurteilung der Tatherrschaft geschieht nicht mechanistisch; es geht um Fragen wie: "Wer führte das Szepter?" - "Wie freiwillig war der Suizident?" - "Inwiefern wurde dem Suizidenten geholfen, oder nachgeholfen?" - Man stelle sich einen älteren, pflegebedürftigen Patienten im Bett vor, kurz vor der Suizidtat; er ist umringt von Angehörigen. Was geht da vielleicht in ihm vor? Er fällt doch seinen Pflegern zur Last, physisch und psychisch, aber auch finanziell: er braucht das Erbe auf ... Dazu kommt noch der Druck von Schmerz und Leid oder gar der negative Einfluss einer Depression. Wie "freiwillig" ist da seine Entscheidung ? - Historisch gesehen denke man an den deutschen Schriftsteller Jochen Klepper, der im Dezember 1942 unter dem massiven psychischen Druck des Naziregimes schliesslich eine Art von "Bilanzsuizid" beging.

EXIT

An dieser Stelle ist es nötig, auf die Schweizerische Organisation EXIT etwas einzugehen. Es handelt sich um eine 1982 gegründete "Vereinigung für humanes Sterben" mit Sitz in Zürich. Ursprünglich ist die Vereinigung zu Recht entstanden: Zum Schutz vor medizinischer Überversorgung mit inhumaner Lebensverlängerung. In rechtsverbindlicher Form kann der Patient bereits im voraus in einer Patientenverfügung festhalten, dass er in entsprechender Situation lebenserhaltende Massnahmen verweigert haben möchte. Wann aber eine solche Situation eintrifft, ist eine rein fachliche und damit ärztliche Entscheidung; Angehörige haben keine Entscheidungskompetenz. Behandlungsaggressivität und Strategien der Intensivmedizin in menschlich desolaten Situationen verändern sich, zumindest in der Schweiz, während der letzten zehn Jahren drastisch, sodass die Notwendigkeit solcher Patientenverfügungen an Bedeutung verloren hat. Das Ziel ist auch, in den Zentren nicht mehr die Lebensverlängerung um jeden Preis.

In ethischer und teilweise auch juristischer Hinsicht problematisch erscheint das Verfügungsrecht des Patienten über sein eigenes Leben, den "Freitod", was EXIT ebenfalls aktiv unterstützt. Werden da nicht willkürliche Grenzen zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben gezogen, womit man sich in eine äusserst heikle Grauzone begibt, die kriminellen Exzessen Türen öffnen könnte, wie den bereits erwähnten Greueltaten in den dreissiger und vierziger Jahren? Die "Freiheit" bezüglich des Todeswunsches eines Patienten ist sehr fragwürdig! Der Patient ist stark beeinflussbar durch sein Umfeld: Pflichtbewusstsein wegen verursachter Kosten, Belastung Angehöriger und so weiter. Mit den heutigen Mitteln der modernen Medizin können Schmerz und Leid doch fast immer in hohem Masse gemildert und erträglich gemacht werden, sodass der Wunsch nach "Freitod" sicher vermehrt in den Hintergrund treten kann. Zudem wird die philosophisch-religiöse Frage nach dem möglichen Sinn des Leidensweges oft glatt übergangen; gehört ein solcher Leidensweg, mit Hilfe der heutigen Medizin erträglich gestaltet, vielleicht nicht doch auch zur Erfüllung unseres irdischen Lebens?

Orientieren wir uns in den bereits zitierten Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften, so wird die ärztliche Beihilfe zum Suizid eindeutig abgelehnt. Für das Vertrauensverhältnis zwischen Patienten und Arzt, als wichtige Grundlage jeglichen Behandlungserfolges, scheint es wichtig zu sein, dass der Patient stets weiss, dass ein Mitwirken beim Suizid nicht zu den Aufgaben des Arztes gehört. Selbstverständlich ohne den Suizid oder den Suizidenten zu verurteilen, kann aus ethischer Sicht zuammenfassend festgehalten werden, dass die Beihilfe zum Suizid kein Teil ärztlicher Tätigkeit ist, wenn auch gesetzlich nicht prinzipiell verboten.

Dilemma am Krankenbett - Grenzen zumutbarer Behandlung

Zurück zum Krankenbett, zum ärztlichen Alltag - das Dilemma am Krankenbett: Es liegt ein bewusstloser Zeuge Jehovas auf der Intensivstation, der einerseits medizinisch gesehen dringend Blutkonserven benötigt, um zu überleben; andererseits verbietet seine religiöse Vorschrift die Gabe von Blutprodukten; selbst entscheiden kann der Bewusstlose nicht. Blut geben, ja oder nein? Juristisch gesehen kann in solchen Fällen ja und nein richtig sein! Die Entscheidung liegt beim Arzt, die Rechtsanwendung ist am Ende. Ermessensentscheide sind gesetzlich eben nicht vorgegeben. Soll der Patienten sterben gelassen werden, oder ist die Überschreitung des religiösen Gesetztes ihm zumutbar?

Reanimation (Wiederbelebung): Ja oder nein ? - Eine Frage, die im gegebenenfalls rasch, innert Sekunden gefällt werden muss. Nimmt man dem Patienten mit einem "Nein" vielleicht die Chance, bei vertretbarer Lebensqualität weiter zu leben, so nimmt man ihm mit einem "Ja" aber unter Umständen die Chance, würdig zu streben und führt ihn vielleicht auf einen längeren Leidensweg. Wenn immer möglich wird man den Entscheid über die Durchführung von Reanimationsmassnahmen bei Spitalpatienten für den eventuellen Notfall bereits im voraus schriftlich festhalten. Am einfachsten ist es, den urteilsfähigen Patienten - meist sind dies betagte Menschen - direkt darauf anzusprechen. Schwieriger wird es, wenn der Patient momentan nicht oder nur beschränkt urteilsfähig ist. Die Entscheidung zu Durchführung oder Verzicht von Reanmationsmassnahmen Angehörige fällen zu lassen, wäre eine nicht zumutbare Belastung für diese und könnte leicht in der Folge zu Schuldgefühlen führen. Die Entscheidung muss wohl der Arzt auf sich nehmen. Zur Entscheidungsfindung kann er versuchen, im Gespräch die Einstellung zu dieser Frage aus den Angehörigen "herauszuhören", ohne sie direkt Stellung nehmen zu lassen.

Ähnliches gilt für die Entscheidung zur Initiierung belastender, zu weitreichenden Konsequenzen führender Therapiemethoden, wie es zum Beispiel die Hämodialyse (ein Nierenersatzverfahren) darstellt. Soll mit dieser Behandlung bei einem betagteren Patienten überhaupt begonnen werden, um ein Weiterleben zu gewährleisten, jedoch ein Leben in der Abhängigkeit von der Maschine, verbunden mit zusätzlichen Leiden, deren Ausmass im voraus schwer abzuschätzen ist? Wieviel ist dem Patienten zumutbar?

Noch viel schwieriger sind diese Entscheidungen bei Hirngeschädigten. Nehmen wir das nicht seltene Beispiel eines primär erfolgreich reanimierten Patienten, was die Herz- und Lungenfunktion angeht. Infolge Sauerstoffmangels unbekannter Dauer sind primär nicht abschätzbare, sekundär aber offenkundig nachweisbare Hirnschäden eingetreten, die zum Teil nicht mehr reversibel sein werden; mit gravierenderen bleibenden Störungen ist wahrscheinlich zu rechnen. Doch die endgültige Prognose ist ungewiss. Der Patient ist noch jung. Es tritt nun eine Komplikation ein, woran der Patient sterben könnte, oder sterben dürfte? Wieviel Medizintechnik soll eingesetzt werden, um den Patienten durchzubringen ? Hat er die Komplikation einmal überlebt, kommt vielleicht nie mehr eine solche Chance des Schicksals und der Patient vegetiert für Monate und Jahre dahin. Oder führt das Oberleben in diesem Falle vielleicht zu einer an ein Wunder grenzenden Erholung der Hirnfunktionen?

Aus Erfahrung muss festgehalten werden, dass öfter zu viel und zu aggressiv als zu restriktiv behandelt wird. Man neigt als Arzt in der Regel eher dazu, Leben prinzipiell zu erhalten als das Sterben zuzulassen. Es ist weit schwieriger, die Entscheidung zum Ver zichten auf eine Behandlung zu fällen. Man muss sich immer wieder überwinden, sich nicht einfach zu sagen: "Mache ich alles, was medizinisch möglich ist, so kann man mir juristisch nichts anhaben." Verzicht als ethisch besser vertretbare Entscheidung bedingt die Obernahme von mehr Verantwortung und zuweilen auch etwas Mut. Angst vor Fehl entscheidungen darf dabei die Entscheidungskraft des Arztes nicht lähmen. Die letzte Verantwortung in solch schicksalhaften Lebensfragen liegt ohnehin wohl kaum in unseren Händen. Schon in den alten HIPPOKRATISCHEN Schriften ist eine übergeordnete Instanz angesprochen; Zitat:

[ho iätros hyperetäs täs technäs; hypenantiusthai to nosämati ton noseonta meta tu iätru] - der Arzt sei ein Diener, ein Untergeordneter der (ärztlichen) Berufskunst. (Es ist nötig), dass sich der Kranke der Krankheit widersetzt, (und zwar) zusammen mit dem Arzt.

Ausleitung

Um nochmals auf die mit dem Leben unweigerlich verknüpften Phänomene von Sterben und Tod zurückzukommen, ist im Apollotempel zu Delphi die Inschrift [gnothi seauton] zu finden: "Erkenne dich selbst"; gemeint ist: "Mensch, erkenne dich selbst als Sterblichen". Der Mensch als zeitlich limitierte Erscheinung ist angesprochen. Das Leben hier beginnt und endet einmal, der Mensch ist sterblich - dies im Gegensatz zu den unsterblichen Göttern. Setzt man sich darüber hinweg oder verfällt sogar dem Unsterblichkeitswahn, so begeht man in der Vorstellung der alten Griechen die Verfehlung der [hybris], des Hochmutes, des Verkennens der eigenen Grenzen und gerät somit ins sichere Verderben - wie weit sind wir selbst auf diesem Weg schon gegangen, sind doch sowohl unsere Medizin als auch unsere Gesellschaft in ein extremes Machbarkeitsdenken hineingerutscht, noch potenziert durch die immensen Errungenschaften der hochentwickelten und sich immer noch weiter entwickelnden Technokratie, gerade der medizinischen Wissenschaften! Es bedarf der Rückbesinnung und des generellen Umdenkens. Sterben und Tod sind eben unfassbar und letztlich auch unbesiegbar.

Zum Abschluss sei mir ein Appell an meine Berufskollegen gestattet: In der heutigen Zeit der wirtschaftlichen Zwänge, im Zeitalter der sogenannten Qualitätssicherung, aber auch des drohenden Ultraliberalismus mit Sittenzerfall, im Jahrhundert des Machbarkeitswahns, mögen wir uns da vermehrt an ethische Grundsätze halten, uns primär am Patienten orientieren, dessen Interessen vertreten und vorallem das Leben seiner intakten Persönlichkeit schützen.

Literaturverzeichnis

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StGB, Schweizerisches Strafgesetzbuch; 6.98

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Dr. med. Josias Mattli
Chefarzt Medizinische Klinik, Spital Davos
Promenade 4
CH-7270 Davos Platz
e-mail: jmattli@spitaldavos.ch